Wie es ist, wenn ein Freund von dir plötzlich rechtsextrem wird

Für  VICE ALPS habe ich über das Ende einer Freundschaft nachgedacht.

Ich habe Max vor etwa einem Jahr kennengelernt. Ein gemeinsamer Freund nahm ihn mit auf ein Bier zu mir. Wir haben uns von Anfang an blendend verstanden, die ganze Nacht ziemlich angetrunken durchgeredet—über Religion, übers Reisen, über Träume und Vorstellungen. Es gab keinen Streit, kein Widersprechen, sondern viele zustimmende Gesten, weil wir die Welt ein Stück weit gleich sahen. Über Politik haben wir an jenem Abend nicht geredet. Auch sonst ließen wir das Thema meist aus. Zwei, die sich so gut verstehen, haben ohnehin die gleiche Einstellung. Dachte ich.

Als ich Max kennenlernte, hatte er einen kleinen Freundeskreis, in dem er seine Meinung eigentlich sagen konnte. Bloß interessierten seine Ansichten bald niemanden mehr, da sie zunehmend radikaler wurden. Er war offensichtlich unzufrieden und ich konnte beobachten, wie er zumindest auf sozialen Netzwerken versuchte, sich seine Anerkennung zu holen: Von YouTube-Videos über die Macht der Rothschilds, Texte vomCompact-Magazin oder dem Kopp-Verlag rund um Putin oder die geheimen Drahtzieher unserer Gesellschaft. Er schien sich seine Bestätigung nicht mehr von Freunden, sondern von geistigen Brandstiftern zu holen, die ihn im Netz freundlich begrüßten.

Während ich mit meinem „Refugees Welcome“-T-Shirt herumlief, hatte Max seine Unzufriedenheit. Während ich mich bei sozialen Institutionen engagierte, verspürte er nirgends Zugehörigkeit: Alle politischen Vertreter, Parteien, Strömungen waren für ihn Müll. Und während ich Asylwerber bei mir zuhause aufnahm, setzte er sich für eine Politik ein, die Angst vor Multikulturalität hat und Österreich bedroht sieht.

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Ich war nicht die einzige, die sich von ihm entfernte. Manche Freunde wiederum versuchten, ihn zu konfrontieren. Eine Freundin warnte ihn mit einer Rechtsextremen-Doku; Max weigerte sich daraufhin, ihre Wohnung zu betreten. Auf meinen geteilten profil-Beitrag rund um eine seiner Verschwörungen antwortete er mit: „Wer nichts weiß, muss alles glauben“.

Als ein Freund ihn darauf hinwies, dass die Person, deren Zitat er teilte, gar nicht existierte, lachte er nur darüber. Diskussionen ging er aus dem Weg. Vor allem, weil er sich mit jeder Aussage persönlich angegriffen fühlte. War man der Meinung, dass eine Chemotherapie gegen Krebs hilft, war man nicht nur gegen seine Ansichten, sondern auch gegen ihn. Sagte man, Strache sei scheiße, meinte man seiner Meinung nach auch, er wäre scheiße. Er ist jemand, der sein Glück in einer Sache findet, die man ihm nicht zerrütten darf. Diese eine Wahrheit, die für ihn gerade gilt, ist die einzig richtige. In der darf man ihn nicht mit Gegenargumenten stören.

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„Ihr glaubt ja nur alle, ich bin rechts“, warf er uns Freunden vor und gefiel sich in der Opferrolle. Anfangs tat das—ehrlich—niemand. Im Jänner 2015 warnte Max noch auf Facebook davor, sich „nicht von den Kriegserklärern der Pegida“ aufhetzen zu lassen. Heute befinden sich unter seinen fast 400 Likes „Pegida Graz“, „Offensive gegen links“, „Österreich bleibt rot-weiß-rot“, natürlich „HC Strache“ und sämtliche Facebook-Auftritte der Identitären Bewegung. Aus jemandem, der „Alle politischen Parteien sind scheiße“ predigte, wurde ein astreiner Blauer. Und aus einem „besorgten Bürger“ ein Identitärer. Überraschung.

Heute hat Max viele Freunde, vor allem auf sozialen Netzwerken. 2016 hat er rund 300 neue „Freundschaften“ auf Facebook allein geschlossen. Einige seiner Freunde von früher hat er entfernt. Sie haben ihn wohl genervt. Er führt ein anderes Leben, in dem seine Ansichten unhinterfragt anerkannt werden.

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Es war im Dezember vergangenen Jahres, als er mir erzählte, er würde demnächst bei den Identitären mitmachen. „Weil ich nicht weiß, wohin das alles führt, weil ich nicht weiß, wo diese ganzen Menschen leben und arbeiten sollen“, sagte er damals. „Weil niemand weiß, was passiert, sollte die Versorgung in den Lagern nicht mehr gegeben sein. Deshalb wäre es verantwortungslos dieses Spiel weiterzutreiben. Und es ist mir aufgrund unserer Geschichte zuwider, dass unsere Regierung Menschen in Lagern konzentriert.“

Max wurde damit zum rechten Aktivisten. Zuletzt kletterte er mit anderen Identitären auf das Dach der Zentrale der steirischen Grünen, befestigte dort ein Transparent mit der Aufschrift „Islamisierung tötet“ und übergoss dieses mit Kunstblut. Am Donnerstagabend stürmte er mit rund 30 Aktivisten und ebenfalls wieder mit Kunstblut und Flugblättern bewaffnet eine Theateraufführung an der Uni Wien, bei der Flüchtlinge auf der Bühne standen. Ich habe ihn auf Fotos in den Medien erkannt. Nach diesen Aktionen war’s das wohl mit unseren zustimmenden Gesprächen bei zu viel Bier.

Für Max ist Patriotismus heute die Voraussetzung für eine Welt der Vielfalt. Er steht für eine „Politik aus der Liebe zum Eigenen“, wie die Identitären versuchen, ihre Weltanschauung positiv zu formulieren. Und er fordert eine Anerkennung der Leistung der Mütter. Oder genauer: seiner Mutter. Das ist wohl die eine Person, der er blind vertraut und die er immer beschützen würde. Ich bin eine Frau, die sich selbst beschützen kann und will. Er hingegen glaubt, uns Frauen beschützen zu müssen. Ich denke, es ist weniger ein Instinkt, der ihn zu der Annahme bringt—eher seine komplizierte Jugend, die von der Wut auf eine fehlende Vaterrolle und von Schuldgefühlen, dass man als Kind nichts an der Ungerechtigkeit gegen seine Mutter ändern konnte, geprägt ist.

Ich weiß nicht, was die wahren Gründe für seinen plötzlichen Patriotismus sind. Im Grunde genommen ist es auch egal. Er suchte nach einer Bestätigung seiner Selbstinszenierung und hat diese in den Identitären gefunden: Als ich ihn kennenlernte, hatten seine Beiträge keine „Gefällt mir“-Angaben. Heute strotzen sie nur davor. Ich hoffe, es macht ihn glücklich. Ich hoffe aber auch, dass er irgendwann erkennt, dass der Weg, den er geht, kein schöner ist. Ich mag ihn ja—auch heute noch. Denn er ist einer von den Guten. Eigentlich.

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