Wüstengedanken

Vor bald zwei Jahren wagte ich mit meiner lieben Freundin Michi eine Reise in den Iran. Noch nie hat mich ein Land so fasziniert und verärgert zugleich. Mich an meine Grenzen getrieben. Gefordert. Und in seinen Bann gefasst. Folgende Gedanken stammen von einer Busfahrt quer durchs Land.

Das ist also die Wüste. Eine karge Berglandschaft erhebt sich rechts von uns, die Ecken und Kanten und sind so zahlreich wie die Sandkörner und Steine welche den Boden um unsere schlecht asphaltierte Straße bedecken. Vereinzelt hier und da eine Palme, ein Lehmhaus. Die Weite der Wüste – sie ist wunderschön!

Wir durchqueren die Dascht-e Kavir Wüste. Oder Dascht-e Lut. Sicher bin ich mir da nicht. Bereits drei Stunden verbringen wir in dem klimatisierten, geräumigen VIP Bus einer iranischen Busfirma dessen Namen ich mir fast gemerkt hätte. Michi starrt mit leerem Blick auf ihren Kindle. Versucht zu lesen und schweift doch immer wieder ab. Die Eindrücke der letzten Woche sind keine leichte Kost. Nach einem kurzen Lächeln in meine Richtung widmet sie sich wieder ihrem Buch. Über das Couchsurfen im Iran. Verboten ist es, wie vieles hier. Aber deshalb nicht unmöglich. Wir überlegen, ob wir nach unserem zurzeit angestrebten Ziel, der Wüstenstadt Yazd, unsere Unterkunft in Shiraz über Couchsurfing suchen. Bei Alkoholkonsum wird man mit 72 Peitschenhieben bestraft, keine Ahnung wie viele es beim Couchsurfen sind. Gut, dass die Polizei uns nicht mit dem selbstgebrannten Vodka beim letzten Abendessen erwischte. Aber die Regeln des muslimischen Staates werden ohnehin lediglich auf der Straße befolgt. „Islamic Republic is on the street“, in den eigenen vier Wänden frönt man dem im  Koran Angeprangerten. Armer Kohmeni, viele Schiiten werden ihm im Paradies nicht Gesellschaft leisten.

Zum ersten Mal seit unserer Ankunft, habe ich ein wenig Zeit, meine Gedanken zu sortieren, die so durcheinander sind wie schon lange nicht mehr. Ich könnte weinen, bin glücklich und will manchmal nur schreien. Singen dürfte ich nicht. Bin ja eine Frau. Es kocht in mir. Ein Unverständnis hat sich breit gemacht, mit dem ich nicht gerechnet hätte. Von der Hoffnung, im Iran einen etwas progressiveren Staat vorzufinden, bin ich enttäuscht worden.

Aber die Weite der Wüste beruhigt mich. Ich starre aus dem Fenster statt auf die Frau im Tschador vor mir. Ich versuche die Tatsache zu belächeln, dass weder sie noch ich in der ersten Reihe dieses Busses sitzen dürfen, da der Busfahrer von uns als Frauen abgelenkt sein könnte. Als Michi mir vorhin einen Witz vorlas lachten wir herzhaft. Laut. Unsere kleine Rebellion in der vorletzten Rehe des Busses, ungesehen vom Busfahrer,  gegen die Norm, sich als Frau unauffällig zu verhalten.

Um sich nicht komplett im Emanzipations-Gedankenchaos zu verlieren hilft es, sich an der Gastfreundschaft der IranerInnen zu erfreuen, die uns freundlicher aufnahmen als jemals sonst eine Gesellschaft oder Person zuvor. Freundliche Tehranis die uns Busse aufhalten und Rial in die Hand drücken, gut situierte Iraner die zu verschiedensten Kabaps laden und „Good guests don’t pay“ führen dazu, dass auch unser Reisebudget trotz Halbzeit noch recht gut gefüllt ist. Die Fahrt nach Yazd in unserem superklimatsierten, supererkomfortablen Bus, dessen Liter Treibstoff hier übrigens weniger kostet als ein Liter Wasser, kostet uns rund sechs Euro für fünf Stunden Fahrt. Insh’Allah wie MuslimA sagen würden. Bei den iranischen Wüstenstraßen bin ich mir mit den Ankunftszeiten nicht so sicher.

Bei Ankunft in der alten Wüstenstadt werden wir wohl zuallererst eine Rauchen. Das darf Frau in der Öffentlichkeit. Soll sie aber nicht. Gut, dass wir uns manche Laster trotz der Anwesenheit in der islamischen Republik nicht nehmen lassen. Die Bäume am Rand werden mehr und wir fahren bereits durch bewohntes Gebiet, als ich meinen Schal wieder schön über die Haare richte. Sonst könnte mir das Symbol meiner Gleichberechtigung noch am Buckel runterrutschen.

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