Wie man eine Balkan-Party überlebt

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Wir lieben es, zu viel Eintritt zu zahlen und Rakija zu trinken. Wir lieben es, uns aufzutakeln und anbraten zu lassen. Wir lieben narodna muzika mit Technobeats. Ja genau: Wir lieben Balkan-Party!

Normalerweise trage ich für das freitagabendliche Ausgehen ein schwarzes Shirt zu meiner Jeans und meinen Turnschuhen. Das reicht, um es mir im Beisl meines  Vertrauens gemütlich zu machen. Dieses Wochenende ist es anders. Während ich mich musikalisch einstimme und meine Balkanplaylist lautstark auf- und abläuft, klicke ich mich durch die Partyfotos auf sozialen Netzwerken, um mich mit den heutigen Grazer Balkanlocations vertraut zu machen. Große Frauen, lockenstabgeformtes Haar, hellrosa oder dunkelrote Lippen, Gelnägel in all ihren Variationen kombiniert mit viel Spitze und nackter Haut lachen mir entgegen.

Im Royal mit Severina

Wir sind drei Mädels Mitte Zwanzig die heute im Balkanpartymodus sind. Als wir das Royal betreten dröhnt Severina aus den Boxen: „Ma hajde, grad te zove. Lumpuj do jutra, i noči ove.“  Meine Begleiterinnen gehen zielstrebig in den hinteren Teil des Lokals. Der Vordere ist den jüngeren Besuchern vorbehalten, erzählen sie.

Seit Jahren ist das Royal schon eine Institution im Grazer Multikulti Bezirk Gries. Auch das Publikum ist bunt gemischt: Studierende, Pensionisten, Minderjährige und Junggebliebene. Die Frauen lehnen an der Wand, trinken Spritzer. Die Männer sitzen an der Bar, trinken Bier. Ein paar wenige Besucher spielen Dart, die Jugend grölt bei der viel zu lauten Musik mit. Schnaps gibt’s noch keinen, dafür lautstarkes Gerede auf Bosnisch, Kroatisch oder Serbisch. Meine Begleiterinnen kennen sich aus, erzählen mir Liebesgschichtln von dem Einen und der Anderen und dass der Besitzer ein Kosovare ist und ein ziemliches Händchen fürs Geschäft hat. Egal wo in Graz er ein Lokal eröffnet, die Jugo-Community folgt ihm. Nach dem kurzen Vorglühen im Royal machen wir uns auf den Weg zur Kafana Fijaker.

Melancholie in der Kafana Fijaker

Die Kafana ist gemütlich. Zwar steht der Rauch genauso wie im Royal (scheinbar sind die Jugos vom Rauchverbot ausgenommen), aber man macht nicht so auf modern. Das Fijaker legt keinen Wert auf teures Design oder Ledermöbel, sie ist wie ein großes Wohnzimmer mit Ziehharmonikas und Tamburicas in den Ecken. Gekühlte Wodkaflaschen stehen neben Red Bull Dosen auf den paar Tischen, die mit rot-weiß karierten Tischtüchern bedeckt sind. „Kafana je moja sudbina“ steht mit Schnörkelschrift an die Wand gemalt, vor der der heutige Entertainer sein Keyboard aufgebaut hat. Ex-Jugoslawische Klassiker neu interpretiert – von Bjelo Dugme und Azra über Zabranjeno Pušenje bis hin zu Divlje Jagode – der Mann hinter dem Mikro singt sich die Seele aus dem Leib und motiviert die Menge mit Herzschmerz und Erinnerungen an den Yugo 45. An der Bar sitzen haufenweise Männer. Ich vermute sie sind alleinstehend und werde von den Damen um mich herum bestätigt.

Während die Herren und Jungs ihr Bierchen zischen, halten die jungen und alten Frauen Mischgetränke oder Spritzer zwischen den perfekt manikürten Fingern. Als eine Besucherin sich das Mikro schnappt und mit Tränen in den Augen „Ja od rođendana, pa do rođendana, čekam samo poziv tvoj…“ zum Besten gibt, schmeißt ihr das Publikum zwar keine Blumen zu doch Applaus unterbricht das balkantypische Trinkgelage. Wir verlassen den Ort, an dem ich mich durchaus wohlfühle und wagen uns in die größte Balkandiskothek der Steiermark.

Turbofolk im Balkan Palace

Und da ist sie – die Erfüllung aller Jugo-Klischees, die mir einfallen. Wir zahlen einen überteuerten Eintritt und als ich den vollgestopften Gang betrete der als Dancefloor dient, verliere ich nicht nur die Orientierung sondern frage mich auch, ob man vom eigenen „Volk“ einen Kulturschock erhalten kann. Auf den Tischen steht zwar kein selbstgebrannter Schnaps, doch die lautstarke Mentalität der Besucher aus allen möglichen Teilen Exjugoslawiens ist hör- und sichtbar. Die Mädels wanken auf ihren High Heels und der Suche nach potentiellen Ehemännern von einer Tanzfläche zur nächsten. Diese wiederum können die hübsche Zukünftige gar nicht erkennen denke ich mir, tragen sie doch in der stockfinsteren Location noch ihre Sonnenbrille. Und Schals. Obwohl es gefühlte 50 Grad hat.

Turbovolk wird zwischendurch von englischsprachigen Hip Hop Nummern abgelöst, aber die Menge liebt nun mal ihre Volksmusik mit Techno Beats. Bevor ich mich von meinen Mädels verabschiede und gegen drei Uhr morgens verschwitzt das Handtuch werfen will, ertappe ich mich. Mitten in der Menge, die Hüften von rechts nach links schwingend und lautstark gen Decke singend: „To to, to je to, ajmo da se volimo…“ Und wenn man schon mal Lepa Brenas Texte zu billigst produzierten Beats singt, dann kommen sie hervor: die Jugo-Gene. Und sie sorgen dafür, dass die Partynacht nicht nur neue Eindrücke über die eigene Community brachte, sondern auch verdammt viel Spaß gemacht hat.

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