Balkanhochzeit. Eine Liebesgeschichte in fünf Akten.

Fotos von Katharina Vukadin. Mehr Impressionen der Hochzeit auf ihrem Blog Photopraline.

HRVATSKA VERZIJA

Mandino Selo, ein kleines Dorf im Norden Herzegowinas, ist Schauplatz eines eher alltäglichen als einzigartigen Erlebnisses und obwohl alle Dorfbewohner bereits auf unzähligen Feiern waren, sind heute viel aufgeregt. Denn es ist sehr wohl ein besonderer Tag: Mijo Vukadin, seines Zeichens ältester Sohn von Ivanka und Tomo und mein Cousin –keine Ahnung welchen Grades –heiratet die schöne Ivona,

die nicht nur ihre perfekte Figur im unschuldig weißen Hochzeitskleid in Szene setzt, sondern auch ihren Nachnamen Kelava in weniger als 24h nach der Trauung auf Facebook zu Vukadin änderte. Aber erstmal alles auf Anfang.

(c) photopraline

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Erster Akt – Empfang bei Bräutigam

Am frühen Nachmittag trudelt die Verwandtschaft des Bräutigams im Garten seines Elternhauses ein. Die Mädchen versuchen während ihren Selfie Posen mit den Bleistiftabsätzen, die auf natürlich auf das Kleid abgestimmt sind, nicht im Gras einzusinken. Die Frauen stehen mit der perfekten Hochsteckfrisur, die sie sicher Stunden und mindestens eine Dose Haarspray gekostet hat, im Schatten und tratschen während die Kinder an den Männern mit gekühlten Karlovačko am Tablett herumlaufen. Ein wenig versteckt, unter den schwarzen Planen des Zeltes, türmen sich auf Holztischen Platten mit Pršut, Burek und Kuchen. Der Bräutigam Mijo steht inmitten der Männerrunde die unter ihren dunklen Anzügen meist rosarote Hemden trägt, mit dem Akkordeonspieler um die Wette singt und eine übergroße Mandino-Selo Flagge schwenkt. Strahlend hält Mijo die hölzerne Schnapsflasche mit dem kroatischen Wappen in der Hand und lässt sich immer wieder auf die Schulter klopfen. Verwandte aus allen Teilen des Landes und dem Rest der Welt versammeln sich in diesem Garten – singen, essen, lachen miteinander. Ein feucht-fröhlicher und lauter Empfang, wie es sich gehört.

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Zweiter Akt – Empfang bei Braut

Warnblinkanlage einschalten, rot-weiß-blaue Flagge aus dem Autofenster schwenken, unaufhörlich hupen und der Kolonne folgen. Auf zum Elternhaus der Braut in Vojkovića. Einem so kleinen Ort, dass ich ihn nicht einmal auf Google Maps finde. Das geschmückte Haus erhebt sich neben dem Zelt, welches auf Tafeln Pršut, Burek und Kuchen bereithält. Mijo hat Schnapsflasche gegen lila Orchideen getauscht und wartet vor dem Haus, während der unersättliche Akkordeonspieler die junge Braut herausauslockt. Mit 19 Jahren tatsächlich etwas jung, doch der liebende Blick den sie ihrem Zukünftigen schenkt, lässt sie reifer wirken. Vergessen ist das Alter, die meint das ernst. Das Brautpaar begrüßt sich zünftig mit Bussis auf die Wange. Zur feierlichen Kostümierung der Verliebten gehört auch ein gesittetes Rollenspiel vor der Eheschließung. Es wird gesungen, gegessen, gelacht. Die hölzerne Schnapsflasche macht die Runde.

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Dritter Akt – eine sehr anständige Trauung

Warnblinkanlage einschalten, rot-weiß-blaue Flagge aus dem Autofenster schwenken, unaufhörlich hupen und der Kolone bis zur Kirche des Hl. Ante folgen. Zart Besaitete suchen noch die Taschentücher, da beschreiten Ivona – nun mit Schleier – und Mijo gemeinsam den Gang zum Altar. Der Chor trifft alle Töne (etwas unüblich für ansässigen Kirchengesang) und entlockt sogar dem Vater des Bräutigams ein paar Tränen. Die Trauung dauert nicht lang und obwohl das „Ja, ich will“ etwas zurückhaltend klingt und das Eheversprechen noch eine Portion Romantik vertragen könnte, stecken sie sich schüchtern aber sicher die goldenen Ringe an die Finger und… küssen sich auf die Wange. Schmusen gehört sich scheinbar gar nicht mehr! Trauzeuge Stipe nimmt den Job ernst, animiert zu Applaus und vor der Kirche macht die hölzerne Schnapsflasche verlässlich die Runde.

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Vierter Akt – das rauschende Fest

Den Hochzeitssaal in Bukovica kennt jeder aus Duvno. Die weiß dekorierten Tafeln um das Tanzparkett bieten gerade noch Platz für die heutigen 500 Gäste. Misson bei Ankunft: ergattere einen Tisch, groß und weit entfernt von den Verstärkern der Band. Sonst wars das mit den Tischgesprächen für den Abend.

Endlich Schmusen

Die typische Balkan-Hochzeitsband (vier Musiker plus eine Sängerin) legt los. Večeras je naša fešta, večeras se Mijo ženi… Übermütig und unter Jubelrufen nehmen Frischvermählte und Trauzeugen an der üppigen dekorierten Tafel Platz. Den Hochzeitstanz legt das Brautpaar gleich zu Beginn erstaunlich souverän aufs Parkett und wirkt beim Höhepunkt – dem ersten Kuss in feierlicher Öffentlichkeit – sehr vertraut.

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Glaube, Patriotismus und Völlerei

Nach einem gemeinsamen Vater Unser beginnen die ersten Takte der kroatischen Hymne. Automatisch heben sich Brustkörbe und Köpfe Vieler, die rechte Hand geht wie von selbst in Richtung Herz. Nach vier Lobesstrophen auf die schönste Heimat wird Pršut-Platte gegen Suppentopf getauscht. Rindsuppe. VegetarierInnen sind hier aber ohnehin immer am Verhungern. Die Suppe wird abgelöst durch allerlei Fleisch und noch mehr Fleisch auf großen Platten, die manchmal sogar Platz für Beilagen und Krautsalat lassen. Čorba gibt es gegen vier Uhr morgens. Wer die verpasst macht wirklich einen Fehler.

Auf zum Tanz

Nach dem Essen ein Rakija und ab aufs Parkett. Davor schnell mit der Cousine zur Linken, die einen Krug Jägermeister bestellt, mittrinken. Mit der Tante gegenüber einen Weißwein aussuchen und dem Cousin zur Rechten mit Bier zuprosten. Beim ersten: „Ajmo, Ajmo“ geht’s los. Alt, jung, verheiratet oder nicht, verwandt, betrunken – auf der Tanzfläche einer ordentlichen Balkanhochzeit springen alle gleich verrückt im Kolo herum, wackeln zu heimischen Rock’n’Roll Nummern mit den Hüften und grölen Arm in Arm zu Klassikern. Pärchentänze mit Schrittabfolgen sind so rar wie vegetarisches Essen oder offizielles Techtelmechtel vor der Ehe. Die hölzerne Schnapsflasche wankt verlässlich mit Trauzeuge über die Tanzfläche.

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Die Übergabe

Mitternacht. Unter Fackelbegleitung rollt die dreistöckige Hochzeitstorte dramatisch in den Saal. Ivona hat beim Tortenanschnitt die Hand oben – in dieser Ehe hat künftig also die Frau die Hosen an. Zurufe und Jubel der Gäste, die an dieser Stelle besonders gern auf Tische und Sessel steigen, werden lauter als Trauzeugen und Brautpaar zu Trinkliedern ihre Getränke exen und die Gläser zu Boden werfen. Während die Kellner Scherben sammeln, machen die Vermählten es sich mit zwei großen Körben gemütlich. Der eigentlich wichtigste Moment für das Brautpaar beginnt: Die Geschenkübergabe. Geldübergabe passt besser. Das Kuvert, entsprechend dem Verwandtschaftsverhältnis gefüllt, in Mijos Korb legen, von Ivona das Dankes Billet mit romantischem Foto aus dem zweiten Korb bekommen. Irgendwie muss die Raummiete am Morgen ja bezahlt werden.

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Bis die Wolken wieder lila sind

Und nun? Schuhe unter dem Tisch verstauen und mit allen Verwandten, der Namen man auch nüchtern durcheinanderbringt, Kolo tanzen und vielleicht den Brautstrauß oder das Strumpfband fangen. Bei Zeiten der Cousine beim Schwärmen über anwesenden Singlemänner zuhören und vielleicht statt Wein auch mal ein Glas Wasser trinken. Herumhüpfen, Tanzen, Zuprosten, Tratschen. Der Partymodus bis zum Morgengrauen.

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Fünfter Akt – Der Tag danach

Es ist Mittag und das Zelt im Garten von Mijos Eltern füllt sich wieder mit Verwandten. Platten mit Pršut, Burek und Lammfleisch stehen am Tisch neben zahlreichen Bierkrügen. Der kleine Ante bringt nämlich jedem Reparaturbier, der es nötig hat. Da eine verkaterte Vegetarierin an meiner Seite dank gestrigem Graševina weder Fleisch noch Alkohol sehen kann, bleiben wir nicht lange. Aber lange genug um über das frischvermählte Brautpaar zu Schmunzeln, das alles andere als frisch aus dem neuen Domizil krallt. Während sie noch ihr Diadem und die Schminke vom Vorabend trägt, bekommt er seine Augen kaum auf. Sie sehen aus wie eine richtig gute Feier. Und doch frage ich mich, wenn man die Nacht zum Tag macht: wo bleibt denn da die langersehnte offizielle Hochzeitsnacht?

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