Weltmeister der Gastfreundschaft

Stell dir vor, du reist in ein fremdes Land, doch fühlst dich gar nicht fremd. Wie uns die IranerInnen mit offenen Armen empfingen.

wonderful host. wonderful ali.

wonderful host. wonderful ali.

Egal ob die alte Frau, die mit ihrem faltigen Gesicht und dem schwarzen Tschador beinahe aussieht wie eine Hexe, aber uns liebevoll den Weg zeigt. Oder der Herr der kaum Englisch spricht, aber uns auf Teherans Straßenchaos einen Bus anhält und das Geld dafür in die Hand drückt, obwohl er uns gerade ein halbes Vermögen wechseln sah. Oder Freunde von Freunden und wieder deren Freunde, die ihren Tag für uns umplanen und uns so herzlich mit Safrantee und traditionellem Ghorme-sabsi bewirten, dass wir nie wieder vom über den Perserteppich gelegten Sofreh (das Tuch, das man zum Essen auf dem Boden ausbreitet) aufstehen wollen. Die IranerInnen sind einfach Weltmeister der Gastfreundschaft.

wonderful host. wonderful azi.

wonderful host. wonderful azi.

Weder in Österreich, noch in sonst einem Land das ich bisher bereiste, lud mich jemand auf einen Kaffee ein, zeigte mir Sehenswürdigkeiten oder kutschierte mich durch die halbe Stadt, nur weil ich fremd aussah. Im Iran hingegen geschieht das ständig. Obwohl man Ärger bekommen kann, wenn man Gäste bei sich aufnimmt. Das sieht der Staat nämlich nicht besonders gern. Doch die IranerInnen öffnen ihr Herz für Fremde, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Sie helfen, übersetzen, zahlen deine Rechnungen („Good guests don’t pay“). Es gab kaum einen Tag, an dem wir allein waren – einfach Reiseführer auspacken, kaum bis zehn zählen und schon ist jemand da, der dir hilft.

Stell dir vor…

… dein Taxifahrer macht einen Zwischenstopp und lädt dich zu Saft und Keksen ein.

Wir steigen ins Taxi und halten den Zettel mit der Hoteladresse dem Fahrer unter die Nase. Es hat gefühlte 50 Grad und der Fahrtwind bringt zwar unsere Kopftücher durcheinander aber hilft nicht gegen den Schweiß der sich zwischen Rücken und Plastiksitz sammelt. Der Fahrer hat kaum Zähne und lächelt uns trotzdem die ganze Zeit an. Wir haben keine Ahnung wo er hinfährt und sind uns nicht sicher, ob er überhaupt ein Taxifahrer ist. Auf Farsi versucht er uns etwas zu erklären. Immer und immer wieder. Wir verstehen kein Wort. Plötzlich hält er vor einem großen braunen Tor und springt aus dem Wagen. Er fuchtelt mit den Händen in unsere Richtung und strahlt uns an. Wir kennen uns nicht aus, aber grinsen zurück. Und da erscheint schon seine Frau in der Tür, reicht uns Mangosaft, Wasser und Kekse durchs Fenster. Dreimal müssen wir die Einladung in ihr Haus ablehnen – Taarof nennt sich das Spiel – bis wir uns wieder auf die Suche nach dem Hotel machen. Mit einer geschenkten Keksration, die für den Rest der Reise gereicht hätte.

… dein Sitznachbar ist ein Hendl und sein Besitzer will sich um dich kümmern.

20150730_092345Wir nehmen unsere Plätze im geräumigen VIP Nachtbus ein, der uns 13 Stunden von Shiraz nach Tehran transportiert. Neben uns sitzt ein älterer Herr, buntes Hemd, weiße Haare, glattrasiert. Er hat ein Papiersackerl zwischen seinen Beinen. Plötzlich bewegt es sich. Wir sind neugierig. Voller Freude präsentiert er uns das Hendl, das er in einem Sackerl im Bus quer durchs Land transportiert. Er wird schon seine Gründe dafür haben. Ob wir wieder nach Shiraz kommen, fragt er mit Händen und Füßen. Mit seinem gebrochenem Englisch und meinem nicht vorhandenem Farsi verständigen wir uns. Er möchte uns unbedingt seine Nummer geben, der liebe Opa. Damit wir ihn immer anrufen können, wenn wir etwas brauchen. Er will für uns da sein. Jederzeit dürfen wir uns melden. Er sagt mir eine Nummer an. Ich verstehe die persischen Zahlen nicht, drücke ihm aber mein Handy in die Hand. Etwas unbeholfen tippt er drauf herum. Nach einigen Versuchen und noch mehr Minuten habe ich seine Nummer am Display. „Shiraz Bus Hendl Typ“ heißt er für uns. Vielleicht schenkt er uns ja ein Hendl wenn wir ihn das nächste Mal besuchen.

… du bist in einem Hotel ohne Personal und doch könnte der Service nicht besser sein.

abendessen und gesang zwischen sanddünen.

abendessen und gesang zwischen sanddünen.

Wir kommen in Faharaj, einem Wüstendorf in dem vermutlich mehr Kamele als Menschen leben, an und machen uns auf die Suche nach unserem Gästehaus. Wir finden es recht schnell. Verschlossen. Ein Zettel auf der Tür verrät, dass wir eine Nummer wählen sollen. Wenige Momente später erklärt mir ein sehr freundlicher Herr übers Telefon, dass ich zum Nebenhaus gehen und einen Jungen suchen soll. Der wird mich schon erkennen. Hat er auch. Der junge Bursch versteht sofort, klettert über den zwei Meter hohen Zaun auf das Dach unserer verschlossenen Unterkunft und verschwindet plötzlich. Der Wüstenboden ist so heiß, dass meine Schuhsolen gleich zum Schmelzen beginnen. Mit meinem Handy in der Hand macht der Junge uns plötzlich die dunkle, hölzerne Tür des alten Lehmhauses auf und führt uns zu einem der Zimmer. Es ist prachtvoll. Wir sind zufrieden. Bis wir durstig werden. Der Junge ist weg. Niemand ist da. Ein Anruf genügt und ich werde zur Küche gelotst in der wir uns Wasser uns einen Ventilator schnappen. Und der geplante Trip in die Wüstenwildnis? Ein Anruf genügt. Bald darauf holt uns ein Freund des Bruders des Hotelbesitzers ab. Zwischen den Sanddünen, unter klarem Sternenhimmel kocht und singt er für uns. Abends verbringen wir Stunden im bezaubernden Guesthouse dessen kleiner uneinsichtiger Garten wie ein kleines Paradies erscheint. Allein. Denn der Besitzer ist auf Urlaub in Europa. Morgens macht uns eine Freundin des Freundes des Bruders Frühstück. Ganz so allein sind wir also doch nicht, denn das halbe Dorf kümmert sich um uns.

Dear Azi, dear Ali – words can’t even describe how thankful we are for your hospitality!

Und einen besonderen Dank an Maryam. Ohne deine Bemühungen und deine Hilfe, wäre diese Reise nicht so einzigartig geworden.

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