Liebe für Alle, Hass für Keinen.

Gestern Abend fiel ich vollkommen erschöpft ins Bett. Die Gedanken in meinem Kopf freuten sich  auf die Pause. Die letzten Tage gab es viele Eindrücke. Ich war im Marienstüberl. In Nickelsdorf. Am Wiener  Hauptbahnhof. Und versuchte zu helfen.

Freitagmorgen beginnt alles mit einem Interview im Marienstüberl. Sr. Elisabeth, die inoffizielle Chefin der Caritas Institution, begrüßt mich mit den Worten: „Wennst scho da bist, kannst helfen a gleich, oder?“. Natürlich, mach ich gern. Mein Blick schweift auf die rund 100 Menschen im Saal neben der Küche. Hier bekommen sie Frühstück und Mittagessen.

Ein junger Mann im dunklen Kapuzenpulli hängt über seinem Jogurt. Ich hab keine Ahnung auf was er drauf ist, Augenkontakt vermeidet er tunlichst. Ein paar der Männer haben schon frühmorgens eine unglaubliche Fahne. Den Einen sieht man an, dass sie kein Dach über dem Kopf haben, den Anderen widerrum gar nicht. In mir macht sich Mitleid breit, als ich die unterschiedlichsten Personen, so unauffällig wie möglich, beobachte und mir ihre Schicksale ausmale. Wie landet man hier? Sr. Elisabeth erzählt mir viel. Über ihre über hundert Kinder, wie sie ihre Schützlinge gern nennt. So erfahre ich von schlimmen Scheidungen, Alkoholproblemen und Spielsucht. Drogen. Einsamkeit. Es sind Geschichten, wie man sie schon oft gehört hat. Die verlorenen Blicke jener Menschen, die ich hier sehe machen sie real.

Ich bleibe lange. Bringe Essen von A nach B, verteile Lebensmittel an arme Familien, reinige den Saal gemeinsam mit zwei der Besucher. Und verspreche Sr. Elisabeth wiederzukommen.

Kein Mensch ist illegal

Mit €90 Budget füllen wir den Kofferraum des Autos mit Hygieneartikeln und machen uns Sonntag vormittags auf nach Nickelsdorf. Obwohl wir nach Wien wollten. Und ich ursprünglich nach Ungarn. Da mir die Tage davor immer wieder von Fluchthilfe über die Grenze abgeraten wurde, fahre ich aber nicht in jenem Konvoi mit, der von Wien nach Budapest als Schienenersatzverkehr für die Flüchtlinge dient. Stattdessen plane ich mit drei Freunden an den Wiener Hauptbahnhof zu fahren. Dank Social Media Screening landen in Nickelsdorf. In der Bauhalle der Gemeinde, die so voll mit Sachspenden ist, dass wir kaum durchkommen.

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Alles muss sortiert werden. Damenkleidung rechts, Männer links, Kinder hinten. Tshirts lang- oder kurzarm, Hosen, Winterjacken, leichte Jacken,…Manche SpenderInnen verwechseln Hilfe leider auch mit Entrümpelung. Unzählige Kisten werden von den HelferInnen, unter denen auch wir uns befinden, beklebt, sortiert, gefüllt. „Sonnenbrillen hierher!“, „Schlafsäcke rein, rechts“, „Braucht wer was?“ – die Stimmung ist Wahnsinn. Wahnsinnig hilfsbereit, wahnsinnig positiv. Die Polizei bringt den HelferInnen Obst und Energydrinks, irgendwer spendet uns eine Pizzalieferung. „Des hat so eine Eigendynamik entwickelt, i weiß nimmer mehr wo mir der Kopf steht“, meint eine der Organisatorinnen zu Beginn noch. Am Ende applaudiert sie am Lautesten, lobt und ist stolz.

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Im Laufe des Nachmittags steht ein älteres Pärchen vor uns. „Wir haben da zwei Flüchtlinge von Ungarn mitgenommen. Wo bring ma die denn am Besten hin?“. Bevor wir ihnen empfehlen nach Wien zu fahren, wagen sich die jungen Männer aus dem Auto. Sie sind aus Afghanistan und kamen im April nach Ungarn. Mit ein paar Brocken Englisch, Händen und Füßen berichten sie uns, dass die ungarische Polizei sie nur geschlagen hat. Sie sind verängstigt, blicken immer wieder unsicher umher. Als wir die Kartons mit Kleidung für sie öffnen lächeln sie ein wenig. Am Meisten freut sich einer der Jungs über eine HipHop Kappe, die er mitnimmt. Sie scheint ihm ein wenig Normalität zu vermitteln, die er dringend braucht. Mit „Thank you“- Rufen fahren sie Richtung Wien und auch wir starten bei Sonnenuntergang zum Hauptbahnhof.

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#refugeeswelcome am #hbf_vie

Meine liebe Freundin Vanessa wohnt direkt neben dem Bahnhof. Meist wenn ich sie besuche, gehe ich über den Bahnsteig elf zur Straßenbahnhaltestelle. Den sonst so leeren, breiten Flur vor den Glästüren füllen heute nicht nur zahlreiche Flüchtlinge – ganz im Gegenteil, eine unglaubliche solidarische und hilfsbereite Stimmung füllt den Ort. Der ungewohnte Anblick eines für mich gewohnten, eigentlich total unemotionalen, Platzes treibt mir die Tränen in die Augen. „Liebe für Alle, Hass für Keinen“ steht auf einem Plakat über dem Eingang, hinter Holztischen verteilen Freiwillige aller möglichen Herkunftsländer Essen, es gibt provisorische Schlafräume mit Feldbetten, einen Spielbereich für die Kleinsten, eine Erste-Hilfe-Ecke, Dolmetscher und auch einfach nur Menschen die für Andere da sind.

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Ein Flüchtling ist verletzt, der andere braucht unbedingt einen Dolmetscher, ein Afrikaner muss nach Nickelsdorf gebracht werden, ein Trottel verkauft abgelaufene Zugtickets – das Organisationsteam von Train of Hope bekommt alles in den Griff. Was die Leute da auf die Beine gestellt haben ist überwältigend! Bevor wir aufbrechen, will ein junger Mann noch schnell wissen wo denn Italien liegt und ob es ein gutes Land ist. Ein anderer will, dass wir uns kurz zu ihm setzen. Als wir das tun bedankt er sich. Immer und immer wieder. Und strahlt uns dabei mit seinem zahnlosen Grinsen an.

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